Nutzerfeedback als Chance für den Qualitätsjournalismus

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Nutzerfeedback als Chance für den Qualitätsjournalismus

Nutzerfeedback als Chance für den Qualitätsjournalismus

Keine Angst vor Einschaltquoten

Seit jedermann die Möglichkeit hat, im Internet in Wort, Bild und Video zu bloggen, zu posten oder wie auch immer seine Meinung zu artikulieren - seit ein paar Jahren also - gerät das Monopol der etablierten Medien auf das Publizieren journalistischer Inhalte ins Wanken. Einschaltquoten und Klicks werden zum Maß für die Akzeptanz der Medienkonsumenten.
Dirk van Gehlen - ein deutscher Journalist und Kommunikationswissenschaftler - sieht in dem Umstand, dass die Nutzer über den Konsumumfang den Machern ein Feedback geben als Chance für die Journalisten, hochwertige und gefragte Beiträge zu liefern:

Sind nun aber Einschaltquoten und Klicks tatsächlich ein Maß für Qualität? Wenn im Ergebnis der Suche auf Google-News nur die Beiträge der Mainstreammedien in den Trefferlisten angezeigt werden, wird die Mehrzahl der Nutzer auch nur diese lesen. Wenn wir ehrlich sind, so haben wir doch gar keine echte Auswahl zwischen gleichberechtigten Alternativen! Wir werden überschwemmt mit wenigen Perspektiven - nämlich denen aus der Sicht der etablierten Medien. Demnach prägen die Monopolisten, zumindest heute noch, nach wie vor das Meinungsbild.

Nicht Menge sondern Qualität

Auf die Qualität der journalistischen Beiträge kann das Nutzerfeedback nur dann Einfluss haben, wenn die Konsumtion auf Qualitätskriterien beruht. Das wiederum ist nur umsetzbar, wenn die Nutzer sich untereinander über die Qualität der Medienbeiträge austauschen, sprich höherwertige empfehlen und von schlechten abraten.

Über die groben Dimensionen (Kategorien) nach denen die journalistische Qualität aus der Sicht der Medienmacher eingeschätzt wird, sind sich die Wissenschaftler im Wesentlichen einig (nach Schweiger und Urban): [1]

  • Vielfalt (verschiedene Meinungen, Perspektiven und Quellen)
  • Beitragsrelevanz (Aktualität [Neuigkeit, Gegenwartsbezug des Themas, Schnelligkeit], Beantwortung der W-Fragen, analytische Tiefe, Originalität [Eigenrecherche, Exklusivität, Themenfindung, intellektueller Anspruch, Einzigartigkeit, Kreativität])
  • Unparteilichkeit (Ausgewogenheit [als Gegenteil von Einseitigkeit], Neutralität [Unvoreingenommenheit und Distanz zum Berichterstattungsgegenstand], Trennung von Nachricht und Kommentar [Inhalt und Meinung])
  • Sachgerechtigkeit (Richtigkeit [Faktentreue], Genauigkeit, Transparenz [Quellenangaben und Quellenkritik, Offenlegung der Berichterstattungsbedingungen, Eingeständnis von Fehlern], Fairness [Qualität des Rechercheprozesses])
  • Verständlichkeit (sachgerechte Sprache, anschaulicher und prägnanter Stil, klarer Aufbau)

Aus Sicht des Mediennutzers lassen sich weitere Dimensionen finden wie Attraktivität, Akzeptanz, Narrativität, Nutzwert etc. Im Hinblick auf dessen Rolle als aktiver, sozialer Akteur, der von den Medien unterstützt wird, sich in der Gesellschaft zu beteiligen und einzubringen, werden nur ausgewählte Dimensionen in die Beurteilung einbezogen.

  • Persönlicher Nutzwert (Anwendbarkeit im Alltag des Publikums – als Orientierung, Rat, Entscheidungshilfe, Beitrag zur eigenen Meinungsbildung)

Die zur Zeit gängigen Nutzerbewertungstools bieten allerdings lediglich die Möglichkeit, Likes (Facebook), Sternchen (Doyoo) oder Noten (Pickmich.de) zu vergeben. Dabei wird die jeweilige Sachkompetenz der die Einschätzung vornehmenden Nutzer nicht hinterfragt. Wie repräsentativ die Gruppe der Bewerter im Verhältnis zur Gesamtheit aller Nutzer ist, spielt bei diesen Systemen auch keine Rolle. Manipulationen sind möglich und können nicht ausgeschlossen werden.
Insgesamt bilden die aktuell verfügbaren Bewertungstools die Realität nur bedingt zuverlässig ab. Ob die Einschätzung der Qualität von Medienbeiträgen durch die Konsumenten mittels einfachen Likes & Co. realisiert werden kann, darf in diesem Umfeld eher bezweifelt werden.

Der Sinn der Kommentarfunktion für die Qualitätsbewertung

Offenbar haben haben manche Medienmacher nicht nur Angst davor, dass Einschaltquoten und Klickraten zu niedrig ausfallen, sondern auch vor der direkten Meinungsäußerung der Nutzer.
Die ‚Süddeutsche Zeitung‘ hat ihre Kommentarfunktion unter den Artikeln letztes Jahr geschlossen. [2] Insbesondere beim Thema Ukraine im letzten Jahr wurden die Nutzer für ihre massive Kritik an der Berichterstattung gescholten (ARD, SpiegelOnline, etc.), die ARD trug sich ebenfalls mit dem Gedanken, Nutzerkommentare einzuschränken [3] und hat diese Ankündigung auch teilweise umgesetzt. [4] Andere Medien sind diesem Konzept gefolgt. [5]

Hauptargument ist, dass die Nutzerkritik oft nicht sachlich vorgetragen wurde, sondern einherging mit Beschimpfungen und Beleidigungen (Trolle). Die Moderatoren kämen nicht nach, die Diskussion auf einem angemessen sachlichem Niveau zu halten. [6]
Das ist natürlich nachvollziehbar. Schreit aber gleichzeitig nach geeigneten Werkzeugen für die Moderation (halbautomatisierte Textanalyse), eine Aussperrung des Publikums ist keine Lösung. Denn das Publikum ist der Kunde. Und Kunde sollte König beim Dienstleister 'Medienanstalt' sein!

Das iKANTOS-Team ist der Meinung, dass das Problem der Trolle durch eine intelligente Kombination aus gewichteter Nutzerbewertung und algorithmisch basierter Kommentaranalyse in den Griff zu bekommen ist. Deshalb haben wir das iKANTOS-News-Projekt gestartet. Nutzermeinungen sind eine Chance, ein Schatz, aus dem der Journalismus schöpfen kann! Fürchten müssen die Medien die Nutzer ja nun wirklich nicht.

... oder vielleicht doch?

Weiterführende Links

1
Wolfgang Schweiger & Juliane Urban: Nachrichtenqualität aus Rezipientensicht (Projektzusammenfassung) https://www.tu-ilmenau.de/fileadmin/public/pr/Projektzusammenfassung_20130718.pdf
2
Jan Jasper Kosok: Süddeutsche schließt ihre Kommentarfunktion https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/die-sz-schliesst-ihre-kommentarfunktion
3
Veronika Emily Pohl: Tagesschau.de will Kommentare einschränken http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Tagesschau-will-Kommentare-einschraenken,linktipp190.html
4
5
Paul Schreyer: Leserkommentare abschalten? http://www.heise.de/tp/artikel/43/43319/1.html
6
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  1. Ich begrüße den Versuch, eine sachgerechte, objektive und umfassende Berichterstattung zu wichtigen Themen der Gegenwart einer interessierten Leserschaft anzubieten. Der Zwang schnell zu berichten und einer bestimmten “Grundeinstellung” (Ideologie) zu folgen veranlasst viele Medien die Bevölkerung mit Schlagwörtern und Kurznachrichten zu versorgen. Als Wissenschaftler habe ich gelernt, dass eine These immer wieder hinterfragt werden muss, weil neue Befunde eine einmal gefundene Erklärung ergänzen, verändern oder sogar falsifizieren können. Die Feinde eines guten Journalismus sind m.E. heute die fehlende Zeit für einen ausgewogenen Bericht und die “Meinung” des jeweiligen Auftraggebers, aber auch die oft fehlende Bereitschaft der Leserschaft sich mit vielschichtigen Problemen zu befassen und zu versuchen, unterschiedliche Meinungen zu überdenken.

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