Der Kampf um die Deutungshoheit

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Der Kampf um die Deutungshoheit

Der Kampf um die Deutungshoheit

... sollte in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen per se keinen Nährboden haben. Oder doch?

Nach Chemnitz

Aktuell gibt es eine emotional geführte Debatte in den Medien um die Interpretation der Ereignisse in Chemnitz am 26. August 2018 im Nachgang zum mutmaßlichen Tötungsdelikt zweier Asylbewerber an Daniel H. am Rande des Stadtfestes in der Nacht zuvor.

Ein wesentlicher Kernpunkt der Debatte ist der Begriff 'Hetzjagd'.

Gab es in Chemnitz 'Hetzjagden auf Ausländer' oder nicht? Die Meinungen prallen aufeinander. Ministerpräsident Kretschmer hört sich die Sorgen der Chemnitzer Bürger geduldig und mit einem Schuss Demut an und schreibt zwei Tage später im Widerspruch zur Bundeskanzlerin in seine Regierungserklärung : „Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd und keine Pogrome“. Dem wiederum widersprechen prompt die Medien vehement - Journalisten waren ja vor Ort. Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen bezweifelt, dass es 'Hetzjagden' gab, stellt sogar die Echtheit eines Videos, welches im Netz kursiert in Frage. Nein, sagen die Journalisten, das Video sei kein Fake. Besonderes Gewicht hat dabei die 'ARD-faktenfinder'-Instanz mit Patrick Gensing. Der politische Mainstream zweifelt, ob Herr Maaßen für das Amt geeignet sei. Herr Maaßen rudert zurück. Der Disput entwickelt eine Eigendynamik und entfernt sich immer mehr von seinem Ursprung.

Vor und vor-vor Chemnitz

Eine Frage am Rande: Was ist mit den Bürgern von Chemnitz? Der Teil, der da friedlich demonstrierte und gegenüber Herrn Kretschmer seinem nicht erst seit gestern bestehenden Ärger Luft machte ...? Das Thema wird marginalisiert. Die abgehängten Ostdeutschen eben, ein Boden, auf dem die Saat des Rechtsextremismus besonders gut gedeiht ... "Sachsen ist rechtslastig!"

Versteht mich nicht falsch. Ich möchte hier nicht Partei für irgendeine Seite ergreifen! Mir geht es darum, dass diejenigen Leute, die der Politik etwas zu sagen haben, eine Stimme bekommen. Ich finde es besser, man redet mit ihnen und versucht Lösungen zu finden, statt auf Grund einer herausgehobenen Stellung sich mit Polemik gegen sie zu profilieren.
Leider löst die Diskussion um das Thema Hetzjagd keinerlei Probleme. Die es betrifft, haben nicht den Eindruck, dass man ihnen zuhört, geschweige denn ernst nimmt. Gerade das führt zu einem noch stärkeren Vertrauensverlust in die Demokratie mit - langfristig gesehen - schwerwiegenden Folgen.

Beim Schreiben höre ich regelrecht, wie die innere Stimme des Lesers widerspricht: "Ja, und wer entscheidet denn, wer ein engagierter Bürger ist und wer nicht?!" - Das lieber Leser ist ja gerade der Mehrwert, den die iKANTOS-Plattform schaffen will: Niemand als die Nutzer dieser Plattform selbst, entscheiden darüber! Und wir unsererseits vertrauen den Nutzern, wie unseren Bürgern in ihrer Gesamtheit.

Engagierten Bürgern eine Stimme geben

Lasst uns daher eine Möglichkeit schaffen, dass der engagierte Bürger, welcher Nationalität, Religion oder Gesinnung er auch sein mag, eine Chance erhält, über die Qualität der Berichterstattung in den Medien abzustimmen. Das ist ein realer Weg, mit dem er sich Gehör verschaffen kann. Keine Medienanstalt wird mit schlechter Qualität über die Dauer bestehen wollen und können.

... und Deutungshoheit?

Wie sind die Videos über Chemnitz in den Tagen Ende August zu interpretieren? Wer entscheidet, was wie zu bewerten ist? Sollten die Medien, die Regierungsvertreter oder Funktionäre verschiedenster Parteien uns nahelegen, welche Schlüsse wir aus den Vorgängen zu ziehen haben? Vielleicht sogar noch mit einer Empfehlung für sich selbst mit Bezug auf die nächsten Wahlen?

Nachfolgend ein Auszug zum Thema 'Deutungshoheit' aus der Wikipedia [1]. Auch wenn die Wikipedia mitunter ihre Schwächen mit der Unparteilichkeit zu speziellen Artikeln hat. Bei der Begriffsdefinition geht es doch eher um ein neutrales Thema. Entscheiden Sie selbst, ob in einer pluralistischen Gesellschaft ein Kampf um die Deutungshoheit entstehen kann ...

Deutungshoheit ist die konkrete Umsetzung eines Letztbegründungs-Anspruches zu Gunsten dessen, was ein Träger der Deutungs­hoheit als Berechtigung und/oder Wahrheit zu erkennen glaubt.

Mit dem Anspruch, nur selbst ein Thema richtig deuten zu können, ist der Versuch verbunden, die öffentliche Meinung innerhalb einer Firma, einer weltanschaulichen Organisation, innerhalb einer Familien-Sippe oder der Gesellschaft als Ganzes zu beeinflussen.

Deutungshoheit kann entstehen durch Manipulierung oder Vereinnahmung der kommunikations-ökonomischen Infrastruktur, sei es durch Übernahme einer Medienanstalt durch das Militär oder durch Zensur-Anweisungen einer staatlichen Abteilung.

Die Vereinnahmung kann auch durch die Gestaltungshoheit der Befehlskette erfolgen, wie etwa im Militär, innerhalb eines Konzerns, eines Medienbetriebs, einer Arbeitsgruppe oder einer politischen oder weltanschaulichen Sekte.

Deutungshoheit kann auch durch Unterschlagung plausibler, jedoch missliebiger Argumente oder durch Nicht-Entscheiden von vorgetragenen Anliegen [2] erfolgen.

Quellen

[1] Wikipedia Begriff Deutungshoheit.
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutungshoheit
[2] Zu „non-decision“ vgl. Peter Bachrach/ Morton S. Baratz, Power and Poverty. Theory and practice, New York, NY; London [u. a.]: Oxford Univ. Press, 1970, S. 44, zitiert in: Steven Lukes, Power. A Radical View. The original text [1974] with two major new chapters, 2nd edition, London [u. a.]: Palgrave Macmillan, 2005, S. 22–23. ISBN 978-0-333-42092-8

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